Der Hinweis auf Seite 74, dass es einem selbst (sogar was die Immunabwehr angeht)besser geht, wenn man sich in einer wertschätzenden, “gütigen” Haltung anderen gegenüber übt, hat mich ja schon am 5.11.10 beschäftigt. Die Idee ist so einfach: Wenn ich mit mir selbt gut umgehe, eine Haltung der Freundlichkeit mir selbst gegenüber kultiviere, dann kann ich sie auch auf andere ausdehnen und es geht mir und den anderen besser dabei. Und dann regt sich das große ABER! Aber: Was tu ich, wenn mir jemand an der Kasse seinen Einkaufswagen in die Ferse rammt? Aber: Was tu ich, wenn zum fünften Mal in einer Woche ein Reklameanruf kommt? Was tu ich, wenn ich unfair, unfreundlich, unverschämt behandelt oder angegriffen werde? Soll ich dann mit “liebevoller Güte” reagieren? Ich habe gelernt, dass man klare Grenzen setzen muss. Dass ich mir nicht alles gefallen lassen brauche. Meine Güte! Ich bin doch nicht Mutter Theresa! Ich muss zugeben, dass ich mit dem Thema am Kämpfen bin. Vielleicht macht es dieser buddhistische Begriff der “liebevollen Güte” unnötig schwer. Der klingt übermenschlich. Vielleicht täte es schon “Freundlichkeit”, “Wertschätzung”? Vielleicht lösen sich dann die Widersprüche auf. Wenn ich mich souverän und innerlich gefestigt fühle, kann ich freundlich sein und mein Handeln lenken (statt einfach nur vollautomatisch zu “kontern”). Dann kann ich sogar besser reagieren und handeln. Der Einkäufer hinter mir, hat es nicht absichtlich getan. Wenn ich nach dem “Aua!”nicht gleich schimpfe mache ich ein kleines Zeitfenster auf, das eine Entschuldigung möglich macht. Die Frau im Callcenter muss dringend Geld verdienen und hätte auch lieber einen andern Job. Wenn ich einfach nur entnervt aufknalle, weiß sie nicht, was los ist und kann keinen Vermerk machen, dass ich von der Liste gestrichen werde. Eigentlich wissen wir das ja aus der Verhandlungs- und Konfliktpsychologie (z.B. Harvard-Konzept), wie wichtig eine wertschätzende Haltung dem Konfliktpartner gegenüber ist, wenn man den Konflikt lösen und nicht eskalieren lassen will. Eine Haltung der Freundlichkeit macht uns eben nicht zu gefühligen, weichlichen Gestalten ohne eigenes Rückrat sondern im Gegenteil, sie macht uns souverän und verleiht uns Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, wo wir sonst nur im Affekt um uns schlagen. In Zusammenhang mit der “Metta-Meditation, die diese Haltung der Freundlichkeit übt, bin ich im Wikipedia auf ein Bild gestoßen, dass eine schöne Metapher ist: Buddha besänftigt einen wütenden Elefanten. Mir begegnen so viele wütende Elefanten im Laufe eines Tages, vor ihnen weg zu laufen oder sie anzufeuern ist so einfach. Auf sie einzuwirken, dass sie “runter kommen” – das ist die große Kunst.
